Ein Mordsweib – sehr kompetent

 

Zehn Jahre „culturissimo“ – Jubelabend mit Alice Hoffmann als Meisterin des Kabaretts

Am Ende wundert sich der Besucher, dass diese Frau – obwohl sie jahrzehntelange Bühnenerfahrung hat – noch nicht im Gmünder oder Aalener Raum war. Mit einem klasse Auftritt als Vanessa Backes, in obligater „Kittelscherz“, überzeugte Alice Hoffmann beim Leinzeller „culturissimo“ die rund 250 Gäste, die gleichzeitig das zehnjährige Bestehen der Kulturreihe feierten.

Leinzell. Sie kommt so ganz unaufgeregt daher, etwas unsicher und vorsichtig – die Höflichkeit und Sittsamkeit in Person. Den Mantel vergisst sie erst einmal auszuziehen, weil sie schon vom Hundertsten ins Tausendste kommt. Da hat sie sich noch nicht einmal vorgestellt, was ihr alsbald bewusst und schnell nachholt wird: „Vanessa Backes, nach gescheiterter Ehe nun wieder mit Mädchennamen.“

Mit dieser Dame auf der Bühne wird man ob ihrer Authentizität und Arglosigkeit sofort warm, auch wenn sie einen völlig anderen Dialekt spricht. Denn obwohl sie eine einfache Seele ist – Putzfrau im Bundestag. Genauer gesagt: Die Herrentoiletten sind ihr Revier – kann sie vorzüglich das Saarländische und mit diesem Dialekt die ganze Mentalität reflektieren. Frauen etwa seien sächlich, erzählt sie von ihrer Freundin „s’Erika“. „Kenne ihr des“, stellt sie eine Redensart nach der anderen vor, darunter Wörter, die schlichtweg unübersetzbar sind wie etwa „schro“, womit eine tiefe Missbilligung zum Ausdruck gebracht wird.

Ansonsten stellt die Sprache für sie eine furchtbare Falle dar, was man an den vielen Verdrehern wie „buddhistisches Standesamt“ für „statistisches Bundesamt“ oder „Kröder-Schröpf“ für die Gattin des früheren Bundeskanzlers merkt. Hin und wieder unterlaufen ihr Freud’sche Versprecher, etwa wenn sie vom Gesetz der Monotonie spricht und die Monogamie meint. Wenn ein Wort einfach nicht einfallen will, hilft eine schräge Beschreibung weiter. In die Pause schickt sie ihr Publikum mit dem Hinweis darauf, sie sei „e bissche inkompetent“, man könne heutzutage ja schließlich offen „drüber schwätze“ – von wegen inkompetent, ist den Zuhörern da schon lange klar.

Ein gefundenes Fressen ist für Vanessa ist der Tod von Prinzessin Diana: „Dido, die sich mi’m Dodi zu Tode gefahrn hat“. Ein typisch royales Winken und es ist klar, sie spricht über „s’Lisbeth“. So nett diese Dame auf der Bühne auch ist, niemand trauert ihr nach, als die biedere Vanessa Backes am Ende des Abends die Hüllen fallen lässt und sich peu à peu in die Person hinter der kabarettistischen Kunstfigur verwandelt: in Alice Hoffmann im enganliegenden sexy Tigerkleid. Die „Jazz hats“ vom Musikverein Leinzell spielen dazu Joe Cockers „You can leave your hat on“, Dominik Poser singt mit ebenso starker wie verwegen klingender Stimme.

Spätestens dann ist klar: Alice Hoffmann ist ein verwandlungsfähiges Allroundtalent, das ihre Rundungen mitreißend in Szene setzt. Im Stuttgarter Renitenztheater sei sie öfter zu Gast, erzählt sie, als sie dann CDs signiert. Dank „culturissimo“ eroberte sie auch den Gmünder Raum.